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Vom Wert der Streuobstwiesen

Steuobstwiese







 








Ein seltsamer Name und seine Bedeutung:


Der Begriff „Streuobst“ existiert dem Namen nach erst seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, obgleich es sich um eine Jahrhunderte alte Kulturform handelt. Man verwendete ihn ursprünglich eher abwertend, um die alten unsystematisch und verstreut in der Landschaft stehenden Obstbäume von den gezielt angelegten modernen Obstplantagen abzugrenzen.

Die Unterscheidung in Streuobst extensiv genutzte hochstämmige Obstbäume und Plantagenobst intensiv genutzte niederstämmige Obstgehölze ist auch heute noch gültig. Was sich gewandelt hat, ist die Wertschätzung für die althergebrachte Wirtschaftsform des Streuobstbaues. Fielen noch bis in die 1960er Jahre massenhaft alte Obstbäume der Säge zum Opfer (zum Teil wurden sogar Rodungsprämien gezahlt), so hat man inzwischen den mannigfaltigen Wert der Obstwiesen erkannt und versucht, die in der Vergangenheit gemachten Fehler durch Nachpflanzungen und Pflegemaßnahmen teilweise wieder gut zu machen.


Zur Historie des Obstbaus:


Die Kultur von Obstgehölzen hat in Europa eine lange Tradition, die bis in die Bronzezeit zurückgeht und insbesondere von den Griechen und Römern vorangetrieben wurde. In Deutschland wurde im Mittelalter vornehmlich in Klöstern und Schlossgärten die gezielte Zucht und Kultivierung von Obstbäumen betrieben. Eine systematische, z.T. gesetzlich reglementierte Ausweitung des Obstbaus setzte im 15. und 16. Jahrhundert ein. Noch bis in das 19. Jahrhundert erließen die Landesherren Anordnungen zur Pflanzung und Pflege von Obstbäumen. Die Beschädigung oder gar Rodung dieser wertvollen Gehölze wurde streng bestraft. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden so ausgedehnte Obstanlagen und -gärten, die als breite Grüngürtel die Dörfer und Städte umgaben und zu einem prägenden Bestandteil der Kulturlandschaft wurden. Vielfach erfolgten Obstpflanzungen auch in klimatisch begünstigten Hanglagen, die im Mittelalter noch als Weingärten dienten. In Gemarkungsteilen mit Flurnamen wie „Wingertsberg", "Wingertsacker" o.ä. findet man auch heute noch in der Regel Streuobstwiesen.


Landschaftsbild und Ästhetik:


Kaum jemand, der mit offenen Augen eine Streuobstwiese betrachtet oder gar ein größeres Streuobstgebiet während der Blütezeit durchwandert, kann sich dem ästhetischen Reiz dieses Lebensraums entziehen. Obstbäume, ob blühend oder fruchtend, sind zu jeder Jahreszeit eine Augenweide und tragen erheblich zur Gliederung und Attraktivität und damit zur Erholungseignung der Landschaft bei. Diesem Umstand lässt sich ein wirtschaftlicher Aspekt abgewinnen, denn die Schönheit einer Landschaft lässt sich – im positiven Sinne – touristisch vermarkten. Genau in diese Richtung zielt die Strategie der Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute.


Ausgleichende Wirkungen:


Die erholsame Wirkung von Streuobstwiesen bezieht sich nicht ausschließlich auf das Landschaftsbild, sondern auch auf ihren ausgleichenden Einfluss auf das lokale Klima. Durch ihren lockeren Bewuchs fungieren sie als Windbremse und Schadstofffilter, behindern jedoch nicht den notwendigen Luftaustausch. Da sie oft in Hanglagen angepflanzt wurden, wirken sie der Bodenerosion entgegen und verhindern gleichzeitig, dass Nährstoffe in die Gewässer eingetragen werden.
Die Vielzahl alter z.T. kaum noch bekannter Obstsorten mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften stellt nicht nur eine Kulturerrungenschaft an sich dar, sondern auch ein bedeutsames genetisches Reservoir. Bei der Zucht neuer Sorten kann auf diese Eigenschaften zurückgegriffen werden, beispielsweise wenn es um die Verbesserung der Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und Schädlinge geht.


Heimat für Tiere und Pflanzen:


Was den Menschen gefällt, hat im Falle der Streuobstwiesen auch eine hohe Attraktivität für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen. Gerade in dicht besiedelten oder intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten stellen Obstwiesen wichtige – zum Teil die einzigen - Rückzugsgebiete für eine ganze Reihe von gefährdeten Arten dar. Viele dieser Arten, die typischen Streuobstbewohner, haben eine Vorliebe genau für die Bedingungen, die in ausgedehnten alten Obstwiesen geboten werden. Sie benötigen sowohl die Bäume mit ihren ausladenden Kronen und Stammhöhlen, als auch die sonnigen offenen Grünlandbereiche.


Ein typischer Vertreter dieser Arten ist der Steinkauz, der in natürlichen Höhlen alter Obstbäume oder in künstlichen Nistkästen wohnt, brütet und sich nach Anbruch der Dämmerung auf der zugehörigen Wiese auf die Jagd nach Mäusen oder sonstigen Kleintieren begibt. Ganz ähnliche Vorlieben haben Grünspecht und Wendehals, die ebenfalls Baumhöhlen bewohnen, aber tagsüber nach Insekten, insbesondere Ameisen, jagen. Fledermäuse, Siebenschläfer und Hornissen sind weitere Höhlenbewohner, die regelmäßig in alten Obstbäumen angetroffen werden können.


Die meisten in Streuobstwiesen vorkommenden Tier- und Pflanzenarten sind indessen keine reinen Obstwiesenspezialisten. Blaumeise, Igel, Haselmaus, Bockkäfer und Schlüsselblume kommen grundsätzlich auch auf anderen Wiesen und Weiden, Bäumen, Hecken und Gehölzen, an Waldrändern oder auch im Wald vor. In großflächigen, reich strukturierten Streuobstgebieten sind diese Biotope, abgesehen vom Wald, ohnehin bereits vorhanden und gehören sozusagen zum Inventar. Kleinere Gebiete übernehmen dagegen, da sie gerade in der intensiv genutzten Agrarlandschaft oft die letzten naturnahen Bereiche darstellen, eher die Funktion von Ersatzlebensräumen oder so genannten Trittsteinen.


Nutzung ja – aber bitte maßvoll:


Was man immer wieder deutlich hervorheben muss: Streuobst ist nicht „Natur pur“ sondern vom Menschen geschaffene Landeskultur - mit Betonung auf dem Wort Kultur. Dies bedeutet: Streuobst braucht Betreuung und Pflege - und zwar am besten durch eine angemessene extensive Bewirtschaftung. Übermäßige Düngung, Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, überzogene Schnittmaßnahmen und überhaupt jedes übertriebene Ordnungs- und Sauberkeitsdenken führen über kurz oder lang zu einer Abwertung der Lebensraumqualität.


Das ideale Streuobstgebiet:


Nimmt man die Vorlieben und Ansprüche der Tiere und Pflanzen als Maßstab, so müsste ein idealisiertes Wunsch-Streuobstgebiet etwa wie folgt aussehen:


§         Jeder einzelne Obstbaum ist wertvoll und erhaltenswert, trotzdem gilt: Je größer das Gebiet, um so besser! 10 Hektar sind die Untergrenze für ein gut ausgestattetes Gebiet.


§         Der Baumbestand sollte eine gemischte Altersstruktur haben. Neben vielen Bäumen mittleren Alters müssen ausreichend Jungbäume, aber auch alte und sogar abgestorbene Exemplare vorhanden sein.


§         Der Pflegezustand sowohl der Bäume als auch des Grünlands sollte so sein, das es gut gepflegte wie auch eher ungepflegte Bereiche gibt.


§         Es sollten vielfältige Zusatzstrukturen wie Hecken, Reisig- und Steinhaufen vorhanden sein.


§         Das Grünland sollte durchschnittlich zweimal im Jahr gemäht oder – möglichst mit Schafen – beweidet und allenfalls mäßig gedüngt werden.


§         Ein gewisses Angebot an Naturhöhlen ergibt sich zwar bei alten, nicht übertrieben gepflegten Beständen von selbst, trotzdem sollte in Form von Nistkästen nachgeholfen werden.


§         Idealerweise sollte das Obst geerntet und genutzt werden – für die Tierwelt bleibt auch dann noch genug übrig.


Was ist zu tun?


„Extensive Nutzung“, „Flächengröße“ und „Strukturvielfalt“ sind die Schlüsselbegriffe, aus denen sich für den Schutz der Streuobstwiesen (fast) alle weiteren Maßnahmen ableiten lassen. Ein ganz entscheidender Aspekt, ohne den jedoch langfristig alle Bemühungen um den Erhalt der Obstwiesen langfristig zum Scheitern verurteilt sind, ist die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Wirksame Marketingkonzepte, die sowohl die Streuobstprodukte selbst und ihre naturnahe Erzeugung (Obst, Saft etc.), als auch die landschaftliche Schönheit der Obstwiesen zum Inhalt haben, sind dringend notwendig. Projekte wie die Vermarktung von kontrolliert erzeugtem Streuobst-Apfelsaft oder die Einrichtung der Hessischen Apfelwein- und Obstwiesenroute stellen hoffnungsvolle Ansätze dar. Ideen und Visionen sind aber nach wie vor gefragt.


Von Dr. Burkhard Olberts, Naturschutzfonds Wetterau e.V. – Landschaftspflegeverband des Wetteraukreises.



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